Archiv für November 2013

schutzfunktion

es ist nacht. ich gehe alleine durch eine dunkle stadt, kaum jemensch ist unterwegs. ich bin grade nicht so mutig. ich bemerke, dass ein mann* entweder hinter oder neben mir den gleichen weg geht. das macht mir aus verschiedenen, eventuell irrationalen, gründen angst.
ich reagiere darauf indem ich bewusst nicht schneller gehe. stattdessen mache ich breitere schritte und verlagere beim gehen mein gewicht deutlicher, wanke quasi fast ein bisschen. ich spreize die ellenbogen leicht ab um breiter zu erscheinen. ich räuspere mich rauh und tief und hoffe dass der andere mensch bald abbiegt.

welchen sinn hat dieser unbewusste verteidigungsmechanismus?
die antwort hat mich selbst überrascht. ich versuche offenbar der anderen person als ‚männlich‘ oder zumindest als ‚unweiblich‘ zu erscheinen. als ‚unattraktiv‘. als körperlich ebenbürtig. um eventuelle übergriffe jeglicher art von vornherein auszuschließen. das gleiche gilt auch wenn ich mit einer freundin* unterwegs bin. dann kommt noch dazu dass ich einen arm um sie lege, wie es der männliche teil eines heteropaares vielleicht tun würde.

trauertag

*triggerwarnung für den link: gewalt*

einmal im jahr stehe ich morgens auf, ziehe mir einen langen dunklen mantel an und eine passende schirmmütze mit emblem. in der klirrenden novemberkälte marschiere ich mit anderen, ähnlich gekleideten menschen im gleichschritt durch die stadt. bei der anschließenden zeremonie friere ich mir fast die finger ab während ich versuche mich von den kanonenschüssen nich aus dem takt bringen zulassen.
und alles für die kunst, also die musik.
der volkstrauertag ist hier (in Waldsassen) eine krass militärische veranstaltung. wir vom musikverein haben für diesen einen tag pro jahr eigene uniformen. wenn ich mich damit vor den spiegel stelle sehe ich aus wie ein drittklassiger SS-offizier. wir spielen sachen wie ‚ich hatt einen kameraden‘, das ‚bayrische militärgebet‘, die hymnen natürlich, und andere alte märsche.
sowohl die musiker_innen als auch die militärs schwänzen normalerweise den gottesdienst, der zwischen marsch und zeremonie stattfindet. beide gruppen verbringen diese zeit im nahgelegenen wirtshaus.
das gibt ein schönes bild: die drei alten weißen männer am ecktischchen starren ernst in ihre getränke (bier und kaffee), mit kordeln und orden geschmückt. die szene wird passend ergänzt von ausgestopften pfauen und einem goldgerahmten kaiser-bild im hintergrund.
ach ja, bayern.

die rede des bürgermeisters zum volkstrauertag sollte allerdings lobend erwähnt werden: er sprach natürlich von dem vorfall der sich vor kurzem in der stadt ereignet hatte und von den ereignissen vor 75 jahren. er meinte in waldsassen hätte es zwar keine synagogenbrände gegeben…aber nur weil vorher schon alle juden vertrieben oder zur emigration gebracht worden waren.

wie läuft das woanders ab? wollt ihr weitere abenteuer aus meinem musikantinnenleben lesen? zum beispiel die mit dem heimatvertriebenenverein (heißt das so?)

„Dieses Gespräch hat nie stattgefunden“

unterhaltungen, die mit diesem satz enden sind mit vorsicht zu genießen. in meinem heutigen fall diente sie dazu mich unter druck zu setzen. aber von vorn; diesem sehr unangenehmen gespräch heute abend ging ein weitaus angenehmeres gestern nacht voraus.
nächte lang aufzubleiben um solche gespräche unter freund_innen über kindheitserfahrungen, hoch persönliche probleme und zukunftspläne zu führen, wird im internat nicht gern gesehen. besonders wenn sie eine_n der gesprächspartner_innen sowieso im visier haben.
eine freundin kam also gestern zu mir. sie ist 14 jahre alt, ich beinahe 18. wir kennen uns seit etwa zwei/drei monaten. obwohl uns sowohl das alter als auch bisherige lebensverläufe und leider auch politische ansichten eher trennen als verbinden mögen wir einander und genießen die gesellschaft der jeweils anderen sehr. ihren wahren namen werde ich nicht nennen, in diesem text heißt sie ‚Resi’.
ja, in unser besagtes nachtgespräch waren diverse, legale psychoaktive substanzen involviert, für die jüngere von uns beiden jedoch illegal. ich fand die nacht mehr als bereichernd, habe das gefühl sie jetzt besser zu verstehn, unsere unterhaltung war sehr tiefgründig.
andere menschen sehen das weniger positiv. einer von ihnen kam heute zu mir und erzählte mir unter anderem folgendes (genauer wortlaut nicht sicher aber schlagworte kamen alle so vor):

„Du bist erwachsen. *schaut mich bestätigungssuchend an* aber Du kommst deiner Verantwortung nicht nach. Du bist kein Vorbild.“
„Wir haben ein erzieherisches Ziel für Resi. Du untergräbst unsere Bemühungen. Was du tust ist kontraproduktiv.“
„Du weißt schon wie, oder? *ich nicke* Ja, sprichs besser noch mal aus damit ich weiß dass du es verstanden hast.“ (aus zahlreichen früheren ‚verhören’ weiß mein gesprächspartner dass ich nah am wasser gebaut bin und mir mit jedem wort dass ich sage die tränen kommen könnten)
„Resi hat Probleme mit ihrer Umwelt. Sie hat Probleme mit ihrer Haut. Sie hat Probleme mit ihrer eigenen Hibbeligkeit. Früher musste sie dagegen Ritalin-Präparate nehmen, aber die bräuchte sie nicht wenn sie andere Dinge aus ihrem Leben streichen würde: Alkohol und Energydrinks.“
„Und das gleiche ist es mit dem Rauchen.“
„Das Mädchen ist 15 (sic). FÜNFZEHN. Sie ist beschränkt geschäftsfähig und sonst gar nichts. Die kann mit ihrem Taschengeld einkaufen gehen. Die darf keinen Tropfen Alkohol kriegen.“
„Und du bestätigst das. Das ist illegal.“
„Das ist Verführung Minderjähriger. Dafür könnte ich dich anzeigen. Verführung Minderjähriger. Und Alkoholmissbrauch.“
„Sie ist unausgeschlafen und versagt mir überall.“
„Wir versuchen sie da weg zu bringen und du untergräbst das indem du sie bestätigst.“
„In Zukunft wird das anders, haben wir uns verstanden? Sonst zeig ich dich an.“
„Und wenn sie das will und nicht nachgibt, dann musst du auch mal sagen ‚Geh weiter’. Das ist am besten für Resi.“
„Ich will auch nicht dass du dir später Vorwürfe machen musst wenn sie auf die schiefe Bahn gerät, oder in den Drogensumpf.“
„Sind wir uns da einig? *ich nicke* Also, wir tun jetzt beide was für Resi, okay?“

„Und dieses Gespräch hat nie stattgefunden, okay?“ *er lächelt verschwörerisch, ich nicke*

Aber es hat doch stattgefunden. und ich frage mich wie viele freundschaften so schon zerstört wurden, wie viele haben sich so einschüchtern lassen wie ich?
dieser mensch ist ‚good cop’ und ‚bad cop’ in einer person, appeliert erst an mein mitgefühl und droht dann mit anzeige.
das androhen von rechtlichen konsequenzen ist übrigens spezialität dieses erziehers.
Ja, dann zeigen sie mich an, wenn sie das glücklich macht. Mal sehn was rauskommt.

gute nacht allerseits