trauertag

*triggerwarnung für den link: gewalt*

einmal im jahr stehe ich morgens auf, ziehe mir einen langen dunklen mantel an und eine passende schirmmütze mit emblem. in der klirrenden novemberkälte marschiere ich mit anderen, ähnlich gekleideten menschen im gleichschritt durch die stadt. bei der anschließenden zeremonie friere ich mir fast die finger ab während ich versuche mich von den kanonenschüssen nich aus dem takt bringen zulassen.
und alles für die kunst, also die musik.
der volkstrauertag ist hier (in Waldsassen) eine krass militärische veranstaltung. wir vom musikverein haben für diesen einen tag pro jahr eigene uniformen. wenn ich mich damit vor den spiegel stelle sehe ich aus wie ein drittklassiger SS-offizier. wir spielen sachen wie ‚ich hatt einen kameraden‘, das ‚bayrische militärgebet‘, die hymnen natürlich, und andere alte märsche.
sowohl die musiker_innen als auch die militärs schwänzen normalerweise den gottesdienst, der zwischen marsch und zeremonie stattfindet. beide gruppen verbringen diese zeit im nahgelegenen wirtshaus.
das gibt ein schönes bild: die drei alten weißen männer am ecktischchen starren ernst in ihre getränke (bier und kaffee), mit kordeln und orden geschmückt. die szene wird passend ergänzt von ausgestopften pfauen und einem goldgerahmten kaiser-bild im hintergrund.
ach ja, bayern.

die rede des bürgermeisters zum volkstrauertag sollte allerdings lobend erwähnt werden: er sprach natürlich von dem vorfall der sich vor kurzem in der stadt ereignet hatte und von den ereignissen vor 75 jahren. er meinte in waldsassen hätte es zwar keine synagogenbrände gegeben…aber nur weil vorher schon alle juden vertrieben oder zur emigration gebracht worden waren.

wie läuft das woanders ab? wollt ihr weitere abenteuer aus meinem musikantinnenleben lesen? zum beispiel die mit dem heimatvertriebenenverein (heißt das so?)


7 Antworten auf „trauertag“


  1. 1 Steckdose 18. November 2013 um 16:23 Uhr

    Ui… wieso machste denn da mit? Ist ja ein Graus.

    Ja, was ist das denn für ein Musikverein?

    Ich habe vom Volkstrauertag nichts mitgekriegt.

    Wieso wird das überhaupt militärisch gefeiert? Meines Wissens geht’s da doch um die Kriegstoten.

  2. 2 der Klassensprecher von 1984 19. November 2013 um 4:19 Uhr

    Wieso wird das überhaupt militärisch gefeiert? Meines Wissens geht’s da doch um die Kriegstoten.

    Eben. Um die vorherigen und als Werbung für die zukünftigen.

  3. 3 PseudoPrinzessin 19. November 2013 um 17:59 Uhr

    @klassensprecher: so kommts mir auch vor

    @steckdose: sonst mag ich den musikverein. wie gesagt is einmal im jahr. die verlassen sich auch auf mich, irgendwer muss meine stimme ja spieln ^^

  4. 4 Steckdose 20. November 2013 um 1:33 Uhr

    Was erwarte ich denn auch: wenn das Militär die Kriegstoten beweint. Eine patriotische Legitimation des Krieges.

    Ich würde da nicht mitmachen, Pseudoprinzessin. Ist doch schön, wenn deine Stimme fehlt, das wär mal ein sichtbarer Protest.

    Und hängt da echt ‚n Bild vom Kaiser in der Kneipe?!

  5. 5 ceilidh 20. November 2013 um 1:45 Uhr

    „Ich hatt‘ einen Kameraden‘ mag ich sogar. Schön melancholisch. Nichtsdestoweniger ist es mal wieder bizarr, dass den Opfern der Konsequenz des Nationalismus mit Hymne etc. gedacht wird. Naja, typisch bürgerliche Ideologie eben.

  6. 6 PseudoPrinzessin 20. November 2013 um 18:29 Uhr

    hmm :/
    irgendein kaiser/könig, ja. kommt mir bekannt vor aber kenn den namen nicht, kenn mich da aber auch nich aus.

  7. 7 der Klassensprecher von 1984 20. November 2013 um 18:43 Uhr

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